I N H A L T…
DIE FLUCHT
BARBIE
EinTraum?
PRÄGENDE JUGEND
ENTSCHEIDUNGEN
WILDES PARTYGIRL
DER ERNSTHAFTE
IM ZUG | DAS WIEDERSEHEN
‚TO ALEXIS‘
TAUSEND SACHEN
ZUSAMMEN LEBEN
SKURRILE KÜNSTLERSZENE
ENTTÄUSCHUNGEN
ZERSTÖRERISCHE EIFERSUCHT
ZERRISSENE HERZEN
In derTiefe
DER DELFIN …Alexanders wahres Ich
VERSTEHEN | ERKENNEN | VERZEIHEN
RETTENDE HÄNDE | FÜR IMMER

Seite 7-11

DIE FLUCHT

„Passen Sie doch auf!“ Der grimmige Bootsverleiher riss drohend seinen rechten Arm hoch – er befürchtete, die neue Lackierung seines Lieblingsbootes könnte Schaden genommen haben. „Oh, Entschuldigung!“ Im Affekt nach Halt suchend, musste Aya mit ihrer Handtasche wohl die frisch gestrichene Seite eines seiner Boote berührt haben. Sie trug ihre neuen roten Schuhe – die zwar flach und bequem, jedoch mit einer glatten Kunststoffsohle versehen waren.
  „Hier entlang“, knurrte der Mann und führte sie vorsichtig über den geriffelten Tritt, bis zum Bootsinnern der auf den zweiten Blick maroden, kleinen Nussschale. „So ist‘s fein, der Einfachheit halber alles blau überpinseln…“, grummelte Aya genervt, während sie duldete, dass der Alte sie zur Sicherheit am Arm festhielt.
  Gedankenverloren sinnierte sie über die Ereignisse nach, die sie in der Vergangenheit so tief getroffen hatten. Verena, ihre beste Freundin, die ihr ganz plötzlich die Freundschaft kündigte – dieser Brief, indem sie ihr mitteilte, sie könne so nicht weitermachen. Der Schmerz fühlte sich entsetzlich an, wie das Ende einer langjährigen, innigen Liebesbeziehung – zumal alles ohne jegliche Vorankündigung geschah. Aya hatte nichts bemerkt – oder vielleicht doch – je mehr sie darüber nachsann, umso unsicherer wurde sie. Sie musste an Verenas gequälten Gesichtsausdruck bei den Begrüßungen im Café denken, wo sie sich zum Frühstück trafen – oder beim gemeinsamen Malen im Atelier. Ihr Verhalten wirkte gehetzt und genervt und ihre Umarmungen waren leicht und fahrig, nicht fest und herzlich wie früher. Aya konnte nicht glauben, dass dieser Vorfall am Heiligabend der alleinige Grund für den Bruch ihrer Freundschaft gewesen sein sollte.
  „Oder wurde sie vielleicht doch wieder von den fünf Anderen beeinflusst, ich dachte das hätte sich damals geklärt..?“ Aya hielt inne, ihr wurde fast übel bei dem Gedanken. Bei dieser Frage eröffnete sich ihr eine neue Perspektive auf die Geschehnisse. Doch, die wahren Gründe – würde sie diese jemals erfahren?
  Und wieder kam ihr Alexander in den Sinn – wieso musste sie ausgerechnet heute so oft an ihn denken? – die Ereignisse lagen doch so weit zurück. Traf sie damals die richtigen Entscheidungen? Gab es tatsächlich keinen anderen Weg als die Trennung? Ihr Herz fühlte sich schwer an, schwer und warm – war dies ein Zeichen, dass darin noch immer Alexander wohnte? Sie konnte diese Gefühle nicht richtig einordnen.
  Nun bot sich ihr diese kleine Flucht für acht Tage – diese wundervolle, wildromantische Mittelmeerinsel, mystisch anmutend und immer wieder verzaubernd – als Ort des Rückzugs und der Erholung zu nutzen. Dieser Plan schien ideal – jedoch sollte er nicht recht aufgehen. Der dritte Tag näherte sich dem Ende, doch die wirre Flut ihrer Gedanken ließ Aya nicht zur Ruhe kommen. Die kleine Appartement-Anlage, der zauberhafte Blick über den bunten, duftenden Blumenteppich auf das türkisblaue Meer – ein Anblick zum Träumen – doch sie hatte das Gefühl, nicht ganz hier zu sein. „Kreta…“, mit geschlossenen Augen hielt sie einen Moment lang inne. „Mein geliebtes Kreta!“ Nervös nestelte sie an ihrem Kleid und versuchte, irgendeine Emotion zu spüren – nein, sie war noch nicht angekommen. Aya nahm all diese Schönheit mit ihren Augen wahr, doch sie drang nicht in ihr Inneres, erreichte nicht ihre Seele.
  Sie setzte sich auf eine der zwei Sitzstreben, die mit blau-weiß-kariertem Filz überzogen waren, ließ die knappen Anweisungen des Besitzers über sich ergehen, wurde losgebunden und griff nach den Paddeln. Ihr Blick wanderte noch einmal über den bezaubernden, kleinen Fischerhafen, der still und märchenhaft in dieser versteckten Bucht lag. Sie betrachtete den zugehörigen Strandabschnitt, der von wenigen Besuchern, vielleicht nach einem romantischen Essen in einer der authentischen Tavernen, gerne zum Verweilen genutzt wurde.
  Die einheimischen Gäste strömten um diese Jahreszeit überwiegend aus den umliegenden Dörfern oder der zwölf Kilometer entfernten, früheren Hauptstadt der Insel, herbei. Einige blickten beseelt zum Meer, andere waren bereits in ihr köstliches Mahl vertieft und unterhielten sich angeregt mit ihren Tischnachbarn.
  Der Duft gebratener Meeresfrüchte und dampfendem Gemüse, in heißem Öl gebacken, erreichte Ayas Nase und beflügelte ihre kulinarische Fantasie. „Hmm, dazu werden ein knoblauchlastiges Tzatziki und ein Glas harziger Retsina gereicht“, sie rollte mit den Augen und leckte sich die Lippen. „Zum krönenden Abschluss wird Joghurt mit Nüssen und Honig serviert. Vielleicht bringt der Chef persönlich einen Teller Obst – dazu einen Ouzo zur Verdauung.“ Als Aya tief in Gedanken schwelgte, wurde sie von einer herannahenden, frechen Möwe aufgeschreckt, die sich auf dem Nachbarboot niederließ und sie laut auszulachen schien – so konnte man diese rhythmischen Schreie deuten. Aya erschauderte und klatschte in die Hände, um das ‚Biest‘ zu verscheuchen, was ihr schließlich gelang.
  Sie blickte sich um und zählte elf alte Fischkutter. Auf einigen fand geschäftiges Treiben statt. Hier wurde geschrubbt, mit flinken Händen Netze geflickt und die letzten Vorbereitungen zur abendlichen Ausfahrt, in der Hoffnung auf einen guten Fang, getroffen. Direkt daneben verlieh Yannis, der grimmige Alte, insgesamt fünf kleine, frisch aufgehübschte Holzboote – jedes in einer anderen Farbe angestrichen – an Touristen. „Ob er mit seiner groben Art und dieser Mimik auf Dauer Geschäfte machen kann? Nun, ich bin ja soeben seine Kundin geworden ­– privat ist er sicher ein ganz netter Kerl, vielleicht mag er einfach die Touristen nicht leiden,“ statuierte sie.
  „Es ist schon spät!“, brüllte Yannis. „Schauen Sie zu, dass Sie in zwei Stunden wieder hier sind. Der Wind dreht bald und es könnte gefährlich werden – wenn Sie zu lange draußen bleiben! Achten Sie auf…“ Den Rest verstand sie nicht mehr, sah nur noch den erhobenen Zeigefinger des Mannes, doch das war ihr gerade recht.
  „Endlich weg hier, weg von allem – wenn auch nur für zwei Stunden!“ hörte sie sich laut, mit einem Seufzen der Erleichterung, protestieren. Und das mit drei akustischen Ausrufezeichen, so, als sei die Mole, an der das Seil festgemacht war, Symbol für all ihre Probleme, die sie nun dort zurücklassen konnte.
  Fünfundfünfzig, sechsundfünfzig – sie zählte ihre Paddelschläge, die sie endlich ein Stück hinaustrieben. Und noch ein Stück und noch ein paar Züge… Hundertachtzehn – die Konturen des Hafens verschwammen allmählich in der Abenddämmerung und Aya beschloss, sich jetzt nicht mehr umzublicken. Für kurze Zeit schien sie alles vergessen zu haben und war in einen dösenden Halbschlaf gesunken, bis sie die erste kühle Brise leicht erzittern ließ. Schnell zog sie ihre rote Strickweste an, die sie bisher locker um die schlanke Taille gebunden über ihrem türkisfarbenen Kleid trug. Das Boot wurde jetzt heftig…

 

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Ein Traum?

Ohne dass Aya es bemerkte, trug der Wind die kleine Nussschale immer weiter hinaus aufs offene Meer. Beseelt ruhte sie auf ihrem Boot und fühlte sich benommen, als sei sie in eine leichte Trance gefallen. Langsam hob sie den Kopf und sah sich um – lediglich das dunkle Orange der untergehenden Sonne am Horizont und das weite Meer waren zu sehen. Die Küste und den malerischen Fischerort konnte sie kaum noch wahrnehmen und sie schienen in unendlich weiter Ferne zu liegen. Sie fühlte sich sonderbar – die Umrisse ihrer Umgebung verschwammen mehr und mehr vor ihren Augen.
  Innerlich war sie sehr ruhig und verspürte eine große Bereitschaft, alles was nun passieren würde, anzunehmen – es fühlte sich gut an. Wie selbstverständlich überkam sie ein tiefes Bedürfnis nach Freiheit. Sie war sich nicht sicher, doch sie glaubte eine leise Stimme zu hören, die ihr zuflüsterte: „Lass los, lass los..!“ So, als sei sie entrückt, begann sie, sich ganz langsam zu entkleiden. Sie streifte ihre Schuhe ab – und Stück für Stück sanken ihre Kleider auf den mit Wasser bedeckten Boden des Holzbootes. Zuerst die rote Strickweste, dann das türkisfarbene Kleid – und schließlich fielen BH und Slip hinab und versanken in der Pfütze unter ihr. Für einen langen Moment betrachtete sie ihre Nacktheit – sie lächelte und ein angenehmes Gefühl der Leichtigkeit und Freiheit beflügelte ihre Seele.
  In feenhaft anmutenden Bewegungen begab sie sich zum Bootsrand, setzte sich und ließ sich geschmeidig fließend hinabgleiten. Behutsam, jedoch wie selbstverständlich, schlüpfte sie in das tiefschwarze Nass, welches sie wie magisch zu sich hinzog und wie ein gieriger Schlund zu erwarten schien. Anfangs empfand sie eine erfrischende Kühle, die sich jedoch rasch zu einer samtig wohligen Wärme veränderte, die sie sanft umgab und liebevoll umfangen hielt. Sie sank hinab in die nicht enden wollende Dunkelheit, immer weiter, immer tiefer. Es fühlte sich wundervoll an – sie breitete ihre Arme aus und drehte sich, während sie hinabschwebte, immer wieder fließend um ihre eigene Achse.
  Aya staunte wie von Glück berauscht, als sich ihre Wahrnehmung steigerte und immer klarer und intensiver wurde. Sehr genau betrachtete sie ihre Umgebung und was um sie herum geschah – und in diesem Moment durfte sie ein atemberaubendes Farbenspiel beobachten. Vor ihren Augen flimmerte, glitzerte und leuchtete es in allen erdenklichen Farbfacetten – es schien, als spielten die Farben miteinander. Sie konnte eine sonderbare, aber traumhaft schöne Musik wahrnehmen – dies war so wundervoll. Ja, nun wurden die Farben durch die Klänge der Musik zum Tanzen gebracht – es war ein wundervoller, fröhlicher und heiterer Tanz.

  Sie nahm wahr, dass in ihr eine gewaltige Veränderung vorging, doch sie verspürte keinerlei Angst, es schien alles nur so unfassbar – so, als sei sie im Begriff, sich in jemand anderes – oder etwas anderes zu verwandeln.
  „Oh, was passiert hier mit mir? Ich kann atmen…“ Sie konnte die Geschehnisse kaum begreifen, doch ihr wohliges Gefühl versprach, dass es etwas Großartiges sei.

 

Seite 57-61

IM ZUG | DAS WIEDERSEHEN

Zwei Jahre des sehnsüchtigen Wartens vergingen – Aya saß im Zug nach München. Sie hatte einen kleinen Koffer und ihre Sporttasche gepackt und sich von Mama zum Bahnhof bringen lassen. Ihren Fensterplatz im geschlossenen Abteil buchte sie vor einer Woche online. Der Platz zu ihrer Linken, und der ihr gegenüberliegende, blieben frei. Eine junge Mutter mit zwei Kindern – in rege Konversation vertieft – teilten sich mit ihr diese gläserne Kabine, die insgesamt sechs Sitzplätze aufwies. Die Mutter saß in Ayas Sitzreihe links, auf dem äußeren Platz an der Tür und behielt so ihre beiden Knirpse, direkt gegenüber positioniert, gut im Blick.
  Das Mädchen mit dem langen, blonden Zopf schätzte Aya auf etwa fünf, den schüchterne rothaarigen Jungen auf etwa drei Jahre. Die Mutter war vielleicht Mitte zwanzig und selbst noch sehr kindlich in ihrer Art – so, wie sie sich ausdrückte und den Kleinen hochinteressante Geschichten erzählte. Mit reichlich Proviant, inklusive Naschwerk, schienen sie bestens ausgestattet, sodass keine Langeweile aufkam.            Zunächst bot Mama Salamibrote an und die Kleinen durften eine Orangenlimonade aus der Dose, mit einem dicken Strohhalm dazu trinken. Anschließend reichte sie ein großes Stück heiß begehrten Schokoladenkuchen, der so lecker zu sein schien, dass er innerhalb weniger Sekunden von den gierigen kleinen Mäulern verschlungen worden war. Nach dem süßen, klebrigen Mahl, welches nicht nur in den kleinen Gesichtchen hellbraune Spuren hinterließ, die von Mama sorgfältig weggewischt wurden, erfolgte ein weiteres Highlight: in ihrer geheimnisvollsten Stimmlage trug nun Mama ein wohl selbst erfundenes Märchen vor. Die Geschichte handelte vom Riesen-Schokoladen-Mann, der in der Mittagssonne zerschmolz und, der verschwand, um abends, hinter einem Haus, in dem besonders liebe Kinder wohnten, wieder aufzutauchen. Dort durften die Kinder, weil sie so artig gewesen sind, von ihm naschen – so lange, bis die Sonne schien und er wieder verschwand.
  Die Kleinen waren so schüchtern, dass sie kaum auf Ayas Versuche, in Kontakt zu treten, reagierten. Außerdem besaß die junge Mutter genügend Fantasie und ihre Lieblinge saßen mit großen Augen da und lauschten ihrer sanften Stimme. Darüber schien Aya eher erleichtert, sie glaubte, mit fremden Kindern nicht besonders gut umgehen zu können. Der Gedanke, sie müsse Spektakuläres vollbringen, um die Kleinen bei Laune zu halten, verursachte ihr Hemmungen –­ denn meistens schauten viele Augen zu und hatten irgendwelche Erwartungen – so empfand sie es zumindest.
  Die drei stiegen nach der Hälfte der Strecke aus, Aya durfte für eine Stunde das Abteil für sich allein beanspruchen. Zufrieden betrachtete sie die unterschiedlichen Landschaftsstrukturen und die kleinen Ortschaften, durch die sie fuhren. Mal lag ein Dorf anscheinend bewegungslos und friedlich da, mal herrschte reges Treiben. Sie sah einen Wochenmarkt, wo frisches Obst und Gemüse angeboten wurden – sie konnte dies genauer beobachten, da der Zug hier einen kurzen Aufenthalt hatte und sich der Bahnhof direkt am Rande des kleinen Dorfes befand. Hier blieben Aya sieben Minuten bis zur Weiterfahrt, um sich etwas genauer umzuschauen – und sie sah manch erstaunlichen Gegenstand auf den Gleisen liegen. Etwas entfernt entdeckte sie weggeworfene Plastiktrinkbecher, jede Menge zerknüllte, gelbe Folie und Styroporbehälter, die vermutlich einmal fettiges Fastfood enthielten. Zwei Meter daneben erkannte sie eine weiße Tennissocke und einen einzelnen, vielleicht dazugehörigen Sportschuh – dieses Bild regte augenblicklich ihre Fantasie zu Horrorszenarien an. Schließlich blieb ihr Blick an einem kleinen, fast transparenten, blauen Müllsack hängen, der diffus einen abscheulichen Inhalt erahnen ließ. Das reichte ihr und sie beschloss, sich lieber wieder der kleinen, bunten Menschenmenge zuzuwenden, und sie beobachtete die wild mit den Händen fuchtelnden und Köpfen nickenden Verkäuferinnen, wie sie versuchten, ihre Kundschaft von der selbstverständlich allerbesten Ware zu überzeugen. Ein schriller Pfiff war zu hören – und die Fahrt ging weiter. Das leise ratternde Geräusch des Zuges wirkte betäubend und Aya fielen immer wieder die Augen zu, wobei ihr Kopf für eine Sekunde nach vorne nickte und sie jedes Mal erschrocken aufschaute und sich fragte, wo sie sich gerade befand. Es schien ihr manchmal, als sei der Zug ein lebendiges Wesen, das mit seinem Brummen und Stöhnen, Quietschen und Pfeifen seine Launen zu vermitteln beabsichtigte.
  Aya döste vor sich hin. Bis zum Münchener Hauptbahnhof lag noch eine Dreiviertelstunde vor ihr, als sich eine hochbetagte Dame – sie schien schon über Neunzig zu sein ­– zu ihr gesellte. Sie war in einen feinen, hellgrauen Hosenanzug gehüllt, darunter trug sie eine Bluse mit einem zarten rosa Blumenmuster. Am Hals trug sie – wie Männer eine Krawatte tragen – eine dicke Schleife in Dunkelblau – und im selben Farbton kamen Schuhe, Tasche und der kurzkrempige Hut, der ihrer Gesichtsfarbe etwas Frisches verlieh, zur Geltung. Für ihr Alter schien die Dame mit der eleganten Aura noch recht beweglich zu sein. Überdies gab sie sich betont freundlich – doch die Freundlichkeit hatte nichts Herzliches – sie wirkte irgendwie aufgesetzt. Es hatte den Anschein, als sei sie innerlich von Groll erfüllt. Außer einer knappen Begrüßung kam zwischen den beiden keine Konversation zustande. Noch eine Viertelstunde bis zur Ankunft. „Oh, ich muss noch schnell ins Bad und mich ein wenig frischmachen. Ein Hauch von Puder und Lipgloss, schnell durchs Haar gewuschelt – und fertig ist die fesche Aya“, sang sie leise vor sich hin. Leise genug, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen, die womöglich doch noch zu einem Gespräch hätte führen können, was sie nun überhaupt nicht brauchte. Sie huschte in die enge Toilettenkabine und vollzog ihr kleines Schminkritual – dreißig Sekunden, mehr Zeit brauchte sie nicht.

  „Wie er wohl auf die kurzen Haare und meine schlanke Figur reagieren wird, ich bin so gespannt.“ Sie trug eine enge Jeans – dazu einen leichten, hellblauen Strickpulli mit kurzen Ärmeln. Um die Hüfte schmiegte sich ein geflochtener, brauner Ledergürtel, farblich passend zu ihren Cowboystiefeln. Ihre kurze Jeansjacke trug sie lässig über der linken Schulter; an der rechten hing, als sie ausstieg, ihre blaue Sporttasche. Den Koffer aus grob gewebtem, schwarzem Leinenstoff konnte sie, dank der Transportrollen, leicht neben sich herziehen. Sie fühlte sich fröhlich und ausgelassen. Doch langsam beschlich sie ein banges Gefühl. Plötzlich kamen ihr Zweifel: